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Historischer Weg 16

1933 – 1945 Nationalsozilismus und Zweiter Weltkrieg

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 führte innerhalb der deutschen Ärzteschaft zu weitreichenden Veränderungen, im Krankenhaus Westend zu tiefen Einschnitten.

Entlassung jüdischer Ärzte

Reichskristallnacht 9./10. November 1938, SA und SS überfielen jüdische Geschäfte und Gotteshäuser. Quelle: Bundesarchiv

Im  April 1933 wurden auf der Parkaue des Krankenhauses sämtliche jüdischen Ärzte versammelt und zum Verlassen des Krankenhauses aufgefordert. Nur ein einziger Arzt, der junge Internist Dr. Albrecht Tietze (1901–1968), zeigte Zivilcourage, erklärte sich mit seinen jüdischen Kollegen solidarisch und verließ das Haus gemeinsam mit ihnen. Dies hatte seine sofortige Entlassung zur Folge. Tietze wurde 1970 für seine Unterstützung verfolgter Juden von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.
 
Mit dem Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das die Entlassung jüdischer und politisch missliebiger Beamter vorsah, wurde 1933 auch die „Gleichschaltung“ der Ärzteschaft vollzogen. Das Krankenhaus Westend verlor dadurch einige bedeutende Ärzte. So wurde Dr. Max Rosenberg (1887–1943), Oberarzt der Inneren Medizin, 1933 gleich entlassen. 1937 floh er nach Ägypten, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1943 am Jüdischen Krankenhaus in Kairo tätig war.

Am 30. September 1938 wurde allen jüdischen Ärzten in Deutschland die Approbation, die Zulassung als Arzt entzogen. Danach konnte kein jüdischer Mediziner mehr als Arzt tätig sein. Sanitätsrat Dr. Alfred Peyser (1870–1955) war bis dahin konsultierender HNO-Arzt am Krankenhaus Westend und ein Pionier auf dem Gebiet der im Zuge der Industrialisierung entstandenen Lärmschwerhörigkeit. Er emigrierte 1939 mit seiner Familie nach Schweden, wo er vor allem als Übersetzer medizinischer Fachliteratur arbeitete. 

Anpassung und Verstrickung

Prof. Dr. Friedrich Umber (1871–1946) leitete ab Ende 1911 die Innere Abteilung, ab 1912 war er, bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges, gleichzeitig Ärztlicher Direktor des Städtischen Krankenhauses Westend. Umber war ein international bedeutender Diabetes-Forscher. Während des Zweiten Weltkrieges, als das Krankenhaus Westend als Reservelazarett für Kriegsverletzte diente, führte er in einem Hilfskrankenhaus für die zivile Bevölkerung die wichtige Versorgung von Diabetikern fort. Umber war nicht Mitglied der NSDAP, verhielt sich aber systemkonform. Von 1941 bis 1944 engagierte er sich als Vorsitzender der Berliner Medizinischen Gesellschaft. Im Mai 1944 nutzte er eine Vortragsreise nach Spanien, um sich dorthin abzusetzen. Er starb 1946 in Spanien.

Der Urologe Prof. Dr. Hans Boeminghaus (1893–1979) wurde zum Leiter der im Januar 1939 neu eingerichteten Urologisch-chirurgischen Abteilung ernannt. Boeminghaus hatte sich seit 1933 mit vielfältigen Publikationen zur operativen Sterilisation und Kastration des Mannes im Rahmen der „erbbiologischen Kontrolle“ profiliert und galt als Befürworter der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“ . Die neue Abteilung bekam 160 Betten und war damit eine der größten chirurgischen Urologien in Deutschland. Kriegsbedingt erweiterte sich der Arbeitsschwerpunkt um die Behandlung von Schussverletzungen im Nieren-, Becken- und Harnröhrenbereich. Nach dem Krieg ging Boeminghaus an eine Privatklinik in Düsseldorf und bekleidete wichtige Positionen in der Deutschen Gesellschaft für Urologie.

Dr. Ernst-Robert Grawitz (1899–1945) erhielt von 1925 bis 1929 seine Ausbildung als internistischer Assistenzarzt am Städtischen Krankenhaus Westend, wo schon sein Vater bis 1911 Leiter der Inneren Medizin gewesen war. Von 1933 bis 1936 war er als Dirigierender Arzt der neuen III. Inneren Abteilung im Westend tätig. Gleichzeitig machte Grawitz Karriere in dem der SS unterstellten Sanitätsamt. Er hatte sich früh in völkisch-nationalen Organisationen engagiert und war ab 1931 Mitglied der SS, der NSDAP und des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes.

1935 wurde Grawitz zum „Reichsarzt-SS“, d.h. zum obersten Mediziner der SS ernannt. In dieser Position stellte er SS-Ärzte für die Euthanasie ab und genehmigte medizinische Experimente mit Häftlingen in Konzentrationslagern sowie  Menschenversuche in der Forschung. Als noch junger Arzt hatte Grawitz über Kohlenmonoxidvergiftungen geforscht. 1942 empfahl Grawitz die „Sonderbehandlung“ durch Gas zur Massenvernichtung in den Konzentrationslagern. Grawitz wurde schon Ende 1937 auch zum Geschäftsführenden Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ernannt. Er band das DRK erfolgreich in die Organisation und Politik des NS-Staates ein. Ende April 1945 tötete Grawitz sich und seine Familie.

Der Psychiater und Neurologe Dr. Kurt Albrecht (1894–1945) übernahm im April 1937 von Dr. Ernst-Robert Grawitz die III. Innere Abteilung, die in eine Psychiatrisch-neurologische Abteilung umgewandelt wurde. Albrecht war Spezialist für Hirnverletzte. Er war früh SS-Mitglied geworden und ab 1937 gehörte er dem Gerichtsärztlichen Ausschuss der Stadt sowie dem Vorstand der Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie an.1940 wurde Albrecht als Professor an die Reichsuniversität Prag berufen und dort 1944 zum Rektor ernannt. 1945 wurde er bei der Befreiung Prags durch die sowjetische Armee getötet.

Nationalsozialistische Medizin

Auch wenn die Patientenakten des Krankenhauses Westend aus der Zeit von 1933 bis 1945 nicht mehr vorhanden sind, ist nachgewiesen, dass im Westend Zwangssterilisationen im Rahmen des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ durchgeführt wurden. Schon im Juli 1933 war dieses Gesetz, das Zwangssterilisationen erlaubte und damit tief in die Menschenrechte vieler Menschen eingriff, erlassen worden.

Die 1920 gegründete und auf dem Gelände des Krankenhauses Westend angesiedelte „Sozialhygienische Akademie“ wurde im Herbst 1933 zur „Staatsmedizinischen Akademie“ umfunktioniert. Als Lehrstätte hatte die Akademie reichsweite Bedeutung. Alle angehenden Ärzte im öffentlichen Dienst mussten hier Lehrgänge zu Rassenhygiene und Erblehre belegen – Themen, die den nationalsozialistischen Vorstellungen von Medizin entsprachen.

Prof. Dr. Walter Karl Koch (1880–1962) war seit 1925 Leiter des Pathologischen Instituts des Städtischen Krankenhauses Westend und wurde 1933 zum Geschäftsführer der „Staatsmedizinischen Akademie“ ernannt. Ärzte des Krankenhauses Westend unterrichteten hier, wie Dr. Ernst Robert Grawitz zur „Klinik und Therapie der Kampfstoffvergiftungen“ oder der Chirurg Dr. Erich Neupert zur „Technik der Sterilisation“.

Reservelazarett 101

Mit Kriegsbeginn im September 1939 wurde das Krankenhaus Westend, wie schon im Ersten Weltkrieg, Reservelazarett. Alle zivilen Patienten und der größte Teil der zivilen Ärzte mussten das Krankenhaus verlassen, die zivile Krankenhausversorgung wurde in „Hilfskrankenhäuser“ ausgelagert. Das große Krankenhaus Westend, direkt an einer zentralen Bahnlinie gelegen, war mit 1000 Betten das größte Lazarett Berlins. Die kriegsverletzten Soldaten wurden hier von Militärärzten versorgt. Zeitweise war das Lazarett mit bis zu 3000 Patienten, die teilweise in zusätzliche Zelte ausweichen mussten, überbelegt.
   
In den letzten Kriegstagen wurde das Krankenhaus in der „Schlacht um Berlin“ stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Kampflinie zog sich zeitweise mitten durch das Krankenhausgelände. Es wurden vor allem Nebengebäude beschädigt; die Hauptgebäude an der Parkaue blieben weitgehend intakt. Im Mai 1945 wurde das Reservelazarett 101 aufgelöst.

Wiedereröffnung

Nach der Wiederöffnung als Krankenhaus bemühten sich die zivilen Ärzte, Schwestern und weitere Helfer unter größten Schwierigkeiten, erneut einen geordneten Krankenhausbetrieb aufzunehmen.

Prof. Dr. Walter Karl Koch, seit 1925 durchgehend am Westend als Pathologe tätig, wurde neuer Ärztlicher Direktor des Krankenhauses Westend und leitete bis 1952 den Übergang zur zivilen Krankenversorgung. Der Internist Dr. Albrecht Tietze, der 1933 auf Grund seiner Solidarität mit den jüdischen Ärzten entlassen worden war, kehrte ans Westend zurück. Er war von 1946 bis 1951 Chefarzt der Inneren Klinik.

Die DRK Kliniken Berlin Westend haben 2015 begonnen, die Geschichte des Krankenhauses während der Zeit von 1933 bis 1945 aufzuarbeiten. Die Recherchen waren schwierig, weil sämtliche Patienten- und Verwaltungsakten des Krankenhauses verloren sind. Hier sind ausschließlich Personen und Sachverhalte aufgeführt, die durch historische Quellen eindeutig belegt sind.