Medizinische Hilfe für zuckerkranke Kinder

Berlin, 09. November 2011

Professor Dr. Walter Burger
Foto: DRK Kliniken Berlin

Am Montag, den 14. November 2011, ist der Weltdiabetestag. Professor Dr. Walter Burger, Leiter des Diabeteszentrums für Kinder und Jugendliche in den DRK Kliniken Berlin | Westend, macht auf eine deutliche Entwicklung aufmerksam: Bei Kindern und Jugendlichen kommt der Diabetes mellitus Typ 1, eine Autoimmunerkrankung, immer häufiger vor. Dieser Diabetestyp hat sich in den vergangenen 15 Jahren bei Kleinkindern etwa verdoppelt, sagt Professor Burger. Im Interview beantwortet er die wichtigsten Fragen von Eltern zu dem Thema.

Stimmt es, dass immer mehr Kinder zuckerkrank werden. Wenn ja, woran liegt das?
Professor Walter Burger
: Die bei weitem häufigste Diabetesform im Kindes- und Jugendalter ist der Diabetes mellitus Typ 1, bei dem der Körper in einer Autoimmunreaktion die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört. Dieser Diabetetyp geht mit heftigen Symptomen (Durst, Harnflut, Gewichtsverlust) einher und muss immer mit Insulin behandelt werden. Dieser Diabetestyp nimmt in Deutschland seit Jahren um jährlich etwa vier bis fünf Prozent zu mit einer besonders deutlichen Zunahme bei Kleinkindern - hat sich also in den letzten 15 Jahren etwa verdoppelt. Es ist noch nicht ganz klar, ob es sich um eine absolute Zunahme von Erkrankungen handelt, oder ob das Auftreten der Erkrankung nur in immer jüngere Jahre, also auch vom Erwachsenenalter in das Kindesalter, verschoben wird. Die Ursachen sind unklar. Eine Vermutung ist, dass durch die besseren hygienischen Bedingungen, in denen die Kinder aufwachsen, das eigene Immunsystem in die falsche Richtung gelenkt wird, es werden aber auch Faktoren der Ernährung (z.B. Zeitpunkt der ersten Gabe von Kuhmilch) oder Viren als mögliche Auslöser diskutiert.
Der Typ 2 Diabetes ist im Kindesalter in Deutschland (noch?) sehr selten und hängt sicher mit der Zunahme von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen zusammen.

Wie viele Kinder erkranken und haben sich die Zahlen verändert?
Professor Walter Burger: Täglich erkranken in Deutschland zurzeit durchschnittlich etwa sieben Kinder neu an Diabetes Typ 1. Bis zum Alter von 18 Jahren sind es etwa 25.000 insgesamt in Deutschland.

Wie erkennen Eltern die Erkrankung ihrer Kinder und wie können sie vorbeugen?
Professor Walter Burger: Die Anzeichen sind typisch: vermehrter Durst, vermehrter Harndrang, Gewichtsabnahme, allgemeines Schwächegefühl und in weiter vorangeschrittenen Stadien auch Erbrechen und Bewusstseinseintrübung.

Wie ist die Prognose für ein zuckerkrankes Kind?
Professor Walter Burger: Zu den Prognosen ist schwer etwas zu sagen, da sich in den letzten Jahren die Betreuungsqualität so deutlich verändert hat, dass die auf den bisherigen Erfahrungen basierenden Prognosen schwer auf aktuell erkrankte Kinder zu übertragen sind. Ich halte nichts davon, den Eltern Zahlen über Komplikationshäufigkeiten oder Lebenserwartung mitzuteilen, da diese ständig im Wandel sind und auch sehr von individuellen Faktoren abhängen. Insgesamt kann man sagen, dass sich die Prognose in den letzten Jahren deutlich gebessert hat, so dass viele Patienten ein langes, von beeinträchtigenden gesundheitlichen Komplikationen freies Leben erwartet.

Wie hoch ist die Belastung für Kinder und Eltern?
Professor Walter Burger: Die Erkrankung bedeutet eine deutliche Veränderung des täglichen Lebens durch die mehrfach täglich notwendigen Blutzuckerkontrollen und Insulingaben. Die Belastung hängt natürlich auch sehr vom Lebensalter und den allgemeinen familiären Lebensumständen ab. So ist die Belastung in der Betreuung eines Kindes im Alter von zwei Jahren sicher höher einzuschätzen, als wenn ein Jugendlicher, der sich an seine Erkrankung gewöhnt hat, diese überwiegend allein regelt. Mit neuen technischen Hilfsmitteln (u.a. der Insulinpumpe) können die Belastungen zwar reduziert werden, sie sind aber weiter vorhanden und es dauert einige Zeit, bis die Kinder und das familiäre Umfeld daran gewöhnt haben.

Welche besondere Betreuung bieten die DRK Kliniken Berlin an?
Professor Walter Burger: Seit Oktober 2006 besteht in den DRK Kliniken Berlin | Westend das Diabeteszentrum für Kinder und Jugendliche, in dem die Kinder stationär und ambulant von einem Team (Kinder- und Jugenddiabetologen, Diabetesberaterinnen, Stationsärzten, Pflegekräfte, Arzthelferinnen und bei Bedarf auch Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen und Psychologen) betreut werden. Es besteht bei entsprechender Indikation eine enge Kooperation zu der Augenklinik und der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
Die Anzahl der bei uns betreuten Patienten steigt entsprechend der allgemeinen Zunahme der Erkrankung und auch wegen des Wechsels von Patienten in unsere Einrichtung. Unser Diabeteszentrum ist eins von neun Behandlungszentren für Kinder und Jugendliche in Deutschland mit einer Zertifizierung als Diabetologikum mit diabetesspezifischem Qualitätsmanagement der DDG.

Was genau beinhaltet Ihr Transitionsprogramm?
Professor Walter Burger:
Das Berliner Transitionsprogramm versucht in Zusammenarbeit mit verschiedenen Ärztinnen und Ärzten aus dem Bereich der Erwachsenenmedizin und in Zusammenarbeit mit Krankenkassen ein strukturelles Rahmenprogramm zu etablieren, das den Übergang chronisch kranker Jugendlicher in eine entsprechend qualifizierte Erwachsenenbetreuung sichert. Dies ist zurzeit ein weltweit schlecht gelöstes Problem. Viele Jugendliche fallen nach dem Ausscheiden aus der Kinder- und Jugendmedizin für längere Zeit aus einer adäquaten Betreuung heraus, weil sie es nicht schaffen, sich an eine entsprechend qualifizierte Einrichtung in der Erwachsenenmedizin zu binden. Um diesen Übergang zu sichern, bedarf es struktureller Rahmenbedingungen, die die transitionsspezifischen Leistungen, unter denen ein Fallmanagement eine zentrale Rolle spielt, vergütet. Das Berliner Transitionsprogramm, das wegen seines exemplarischen Charakters von der Robert Bosch Stiftung unterstützt wird, versucht solche Modelle am Beispiel der Erkrankungen Diabetes mellitus und Epilepsie für den Bereich Berlin-Brandenburg zu erproben. Die ersten Erfahrungen sind sehr positiv und es sind verschiedene andere Spezialgebiete (u.a. Nephrologie, Rheumatologie, Pneumologie, Kardiologie, Endokrinologie) auch aus anderen Regionen Deutschlandes sehr interessiert, dieses Programm zu übernehmen.

Professor Dr. med. Walter Burger
Leiter des Diabeteszentrums für Kinder und Jugendliche
Hedwig-von-Rittberg-Zentrum für Kinder und Jugendliche
DRK Kliniken Berlin | Westend
Spandauer Damm 130
14050 Berlin
Tel: +49+30+3035-5718/22
Fax:+49+30+3035-5729


>>Informationen zu dem Zentrum finden Sie hier.