Maßgeschneiderte Gefäßstützen

Berlin, 06. Mai 2016

Im Gefäßzentrum der DRK Kliniken Berlin | Mitte dichten Gefäßchirurgen krankhaft erweiterte Hauptschlagadern mit individuell angefertigten Spezialprothesen von innen ab.

Von: Dayala Lang


Chefarzt Dr. med. Peter Dollinger


Die Seitenarme der Prothese sind auf den Millimeter genau auf den Patienten abgestimmt.


Dr. Dollinger mit seinem Patienten


CT-Aufnahme nach der Operation

Auf fast sechs Zentimeter ist die Hauptschlagader von Dieter Bach (Name geändert) erweitert. Eine derartige Erweiterung (Aneurysma) kann lebensbedrohlich sein, weil die Gefäßwand mit steigendem Durchmesser immer dünner wird. Normalerweise ist die Hauptschlagader, die alle wichtigen Organe versorgt, im Bauch nur zwei bis zweieinhalb Zentimeter dick. Wenn die Hauptschlagader an der erweiterten Stelle platzt, droht der Patient innerhalb weniger Minuten zu verbluten. Dann muss sofort operiert werden. Doch auch dann sind die Überlebenschancen nicht sehr hoch. Das Fatale ist: Die Krankheit verursacht keine Schmerzen und wird deshalb oft erst bemerkt, wenn das Aneurysma bereits geplatzt ist.

Dieter Bach hatte Glück. 2013 wurde bei dem damals 57-Jährigen eine Computer-Tomographie (CT) angefertigt wegen einer vergrößerten Schilddrüse. Dabei wurde das Aneurysma entdeckt und Dr. med. Peter Dollinger, Chefarzt der Klinik für vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie in den DRK Kliniken Berlin | Mitte zu Bachs Lebensretter . Das Aneurysma war bei Bach besonders groß und lag genau dort, wo die Hauptschlagader lebenswichtige Äste zu Leber, Milz, Nieren und Darm abgibt. Die meisten Aortenaneurysmen liegen unterhalb dieser Äste und können mit Standardprothesen ausgeschaltet werden, Stents mir Kunstfaserüberzug, die wie eine Hose von der Aorta in beide Beckenarterien verlegt werden. Diese Standardprothesen sind, wenn man so will, „Konfektionsware“. Bei Aneurysmen wie dem von Bach war das keine Option: hier musste die rohrförmige Prothese mit Ausgängen, vergleichbar den Ärmeln eines Pullovers, versehen werden, damit die Bauchorgane auch nach der Ausschaltung des Aneurysmas gut durchblutet werden. Diese Ausgänge (auch „Branches“) müssen genau an der passenden Stelle sein und sind bei jedem Aneurysma anders angeordnet.

Durch den rechtzeitigen Befund hatte Bach die Wahl zwischen der konventionellen Operation oder dem Einsetzen einer individuell angefertigten Spezialprothese. Bach entschied sich für die moderne Methode. Anhand von CT-Aufnahmen des Patienten fertigten spezialisierte Ingenieure in enger Zusammenarbeit mit Chefarzt Dr. Dollinger eine maßgeschneiderte Gefäßstütze für Dieter Bach an. Diese ist nicht nur millimetergenau auf den kranken Bereich der Hauptschlagader abgestimmt, sondern hat auch den Vorteil, dass die Operation ihn weitaus weniger belastend als bei der konventionellen Methode ist. Die Spezialprothese wird eng zusammengefaltet durch kleine Einschnitte in der Leiste über die Beinschlagader eingeführt und dann unter Röntgendurchleuchtung im Körper des Patienten entfaltet. Die Verbindungsstents zu den wichtigen Organschlagadern werden über einen zusätzlichen kleinen Zugang über die Achselschlagader eingebracht. Der Eingriff findet im sog. Hybrid-OP statt, der die Vorzüge einer hochmodernen, deckenmontierten und in alle Richtungen schwenkbare Röntgenanlage und eines voll funktionstüchtigen Operationssaales in sich vereint. Demgegenüber muss bei der konventionellen, offenen Operation die Bauch- und Brusthöhle großzügig eröffnet werden.

Am 7. Januar 2014 setzte der Chefarzt dem 57-jährigen Berliner die maßgeschneiderte Prothese in einer knapp siebeneinhalbstündigen Operation ein. „Für die Operation sind unzählige Arbeitsschritte nötig. Es muss äußerst präzise gearbeitet werden, da alles bis auf den kleinsten Millimeter stimmen muss“, betont Dr. Dollinger. Nach der Operation wurde Dieter Bach zur besseren Überwachung für einige Tage auf der Intensivstation versorgt, bevor er für eine weitere Woche auf die Normalstation verlegt wurde. „Wir haben großen Respekt vor etwaigen Durchblutungsstörungen am Rückenmark. Durch die intensive Überwachung könnten wir in so einem Fall schnellstmöglich handeln“, erklärt der Mediziner.

Heute, über zwei Jahre später, erzählt Dieter Bach: „Mir geht es prächtig wie eh und je. Da die Erweiterung rechtzeitig bemerkt wurde, ging es mir ja nie richtig schlecht.“ In regelmäßigen Abständen besucht er Dr. Dollinger, der mit seinem Patienten sehr zufrieden ist, zur Nachuntersuchung. Das Aneurysma bei Bach ist bereits von ehemals knapp sechs auf 4,4 Zentimeter geschrumpft. Im Idealfall wird die Erweiterung mit der Zeit komplett verschwinden, sodass sich die Gefäßwand auf die Prothese legt und so zur zusätzlichen Stabilisation beiträgt. Die Prothese kann ein Leben lang im Körper bleiben.

Wer ist betroffen?

Ab dem Alter von 60 wird eine regelmäßige Ultraschalluntersuchung der Hauptschlagader beim Hausarzt empfohlen. Risikopatienten sind Raucher mit hohem Blutdruck und Patienten mit genetischen Defekten, wie zum Beispiel Bindegewebsschwächen oder familiärer Neigung zu Aneurysmen.

Ansprechpartner:
DRK Kliniken Berlin | Mitte
Klinik für vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie
Chefarzt Dr. med. Peter Dollinger
p.dollinger@drk-kliniken-berlin.de
Tel.: 030 / 3035 - 6450
Drontheimer Str. 39-40
13359 Berlin