Malen heißt leben

Berlin, 20. November 2014



Beherzt tunkt Evelyne Hempel einen Pinsel in einen gelben Klecks Acrylfarbe und malt auf dem daneben liegenden Papier an ihrer Version einer van Goghschen Landschaft weiter. Das Vorbild des niederländischen Malers liegt als Kopie auf dem Tisch. Heute bekommt das Bild viel Gelb.

„Anfangs habe ich mich an die Malerei nicht so richtig ran getraut“, gesteht die 54-jährige Köpenickerin. Aber jetzt „macht es Spaß“, sagt sie begeistert. Sie genieße die Konzentration auf Positives in den Kunststunden. Evelyne Hempel ist eine von vier Frauen, die an diesem Donnerstag in der neuen Kunstgruppe des Brustzentrums der DRK Kliniken Berlin | Köpenick zusammen mit dem bildenden Künstler Daniel Sambo-Richter schöpferisch arbeiten.

Alle Frauen haben eine schwierige Zeit hinter sich. Bei Evelyne Hempel wurde 2009 bei einer Mammographie Brustkrebs festgestellt. Auch die anderen Frauen mussten mit einer Tumordiagnose fertig werden. Nachdem die Patientinnen schulmedizinisch in dem von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Brustzentrum in den DRK Kliniken Berlin | Köpenick bestens medizinisch und pflegerisch versorgt wurden, wird den Frauen jetzt von der Chefärztin Dr. med. Anke Kleine-Tebbe noch ein zusätzliches Angebot gemacht: Kunst. Denn – „Malen heißt leben“, so das Motto der Chefärztin und des Kursleiters.

Einmal in der Woche, immer donnerstags um 11 Uhr, treffen sich alle Interessierten im Köpenicker Brustzentrum. Für einen winzigen Obolus von zwei Euro je Treffen kann jeder Patient teilnehmen.

Die Werke, die entstehen, sind sehr unterschiedlich. Ein Bild zeigt zwei spielende Kinder, winzig klein dargestellt, wie Puppen. Hinter den Kindern türmt sich ein bedrohlich großer und sehr dunkler Wald auf. „Die Patientin, die das Bild gemalt hat, befindet sich zurzeit in der Chemotherapiephase“, erklärt Daniel Sambo-Richter. „Das Bild ist noch nicht fertig, aber es zeigt deutlich, wie die Patientin ihre Erkrankung und auch die Bedrohung, die davon für sie und ihre Familie ausgeht, bildlich verarbeitet.“

Evelyn Hilla hat sich an das berühmte Deckenfresko aus der Sixtinischen Kapelle, „Die Erschaffung des Adams“ gewagt. Auch sie hatte bislang gar keinen Bezug zur Malerei. Jetzt, nach ihrer Krebserkrankung, möchte sie etwas Neues ausprobieren. „Das ist ein Experiment“, sagt sie. Es mache ihr einfach Spaß, zwei Stunden in der Woche nur zu malen und an nichts anderes mehr denken zu müssen. Auch sie hat das volle medizinische Programm nach einer Brustkrebserkrankung absolviert: Operation, Chemotherapie und Bestrahlung.

Der Kursleiter möchte die Patientinnen darin bestärken, kreative Ressourcen zu entdecken. „Ich helfe den Patientinnen, etwas über sich selbst herauszufinden“, sagt er. Es gehe ihm um die Malerei, die Krankheit stehe eher im Hintergrund. Sambo-Richter arbeitet gerne mit Gegensätzen. Als Themen gibt er „hell und dunkel“ oder „leicht und schwer“ vor und ist dann selbst gespannt, wie seine Künstlerinnen die Themen umsetzen.

Regina Lange zaubert ihrer Donna Velata, der „Dame mit dem Schleier“ von Raffael, gerade mit wenigen Pinselstrichen einen melancholischen Ausdruck ins Gesicht. „Ich male schon, seitdem ich einen Stift halten kann“, verrät die versierte Künstlerin. „Malen gehört zu meinem Leben.“ Zu Hause finde sie aber derzeit nicht die Kraft dazu, seit der Diagnose „Tumorvorstufe“. Wenn Regina Lange aber im Brustzentrum mit der Malgruppe zusammen ist, dann sei sie zufrieden und entspannt und könnte „den ganzen Vormittag malen“, sagt sie.

Info:
Der Kunstkurs findet immer donnerstags von 11 bis 13 Uhr statt.
Brustzentrum der DRK Kliniken Berlin | Köpenick
Chefärztin Dr. Anke Kleine-Tebbe
E-Mail: a.kleine-tebbe@drk-kliniken-berlin.de
Tel.: 030/303-53000
Salvador-Allende-Straße 2-8
12559 Berlin