Leben ist Bewegung - Zukunftssymposium 50 Jahre Unfallchirurgie Köpenick

Berlin, 03. Juni 2011
Chefarzt Dr. med. Falk Reuther eröffnete das Zukunftssymposium

Chefarzt Dr. med. Falk Reuther eröffnete das Zukunftssymposium

50 Jahre Unfallchirurgie - ein Rückblick

50 Jahre Unfallchirurgie - ein Rückblick

Zahlreiche Gäste

Zahlreiche Gäste

Beim Zukunftssymposium 50 Jahre Unfallchirurgie Köpenick in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am 1. Juni 2011 erinnerte Chefarzt Dr. med. Falk Reuther vor rund 70 Gästen an die „rasante Entwicklung“ bei der Behandlung von Knochenbrüchen innerhalb der vergangenen Jahrzehnte. Bevor Reuther in seinem Fachvortrag tiefer in die Materie einstieg, lobte Professor Dr. med. Hartmut Siebert, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie e.V. in Berlin, dass es „die schönste Sache der Welt ist, einem Verletzten zu helfen“.

Bei einem Unfall wirke von außen Gewalt auf den Körper ein. Letztlich sei Unfallchirurgie so etwas wie „Verletztenlobbyismus“, so Siebert. 1890 gab es mit dem „Bergmannsheil“ das erste Unfallkrankenhaus in Bochum. Seit den 60er Jahren beschäftige sich die Unfallchirurgie mit Themen wie Frakturheilung, traumatischem Schock, biomechanischen Ersatzstoffen für Knochen, Bandscheiben, Sehnen und Nerven. Der extreme Fortschritt in dem Bereich lasse sich auch an neuen Verfahren wie Tissue Engineering ablesen, dem Züchten von Zellen. Auch die klinischen Studien haben sich innerhalb der vergangenen Jahre professionalisiert. Zu dem einfachen Röntgen sind modernere diagnostische Möglichkeiten durch neue Apparate wie CT und MRT hinzugekommen, aber auch andere Verbände aus leichtem Kunststoff sind heute üblich.

Der Glaubenskampf in der Versorgung von Knochenbrüchen wurde regional unterschiedlich zwischen „Nagel“ und „Platte“ entschieden. „Im Süden wurde genagelt, im Norden wurde geplattet“, sagte Siebert. Eine revolutionierende Erkenntnis in den letzten Jahren der Unfallchirurgie war, dass sofortige Bewegung besser ist als Stillstand. Während früher Gipsverbände angelegt wurden, die Knochen versteiften und die Patienten wochenlang immobil in den Betten lagen, seien heute Bewegungsorthesen üblich. „Leben ist Bewegung“ lautete der Paradigmenwechsel in der Unfallchirurgie bei der Behandlung von verletzten Knochen.

Auch bei der Behandlung von Infektionen in den Knochen sind neue Methoden üblich, nämlich das radikale Wegnehmen von krankem Material. Ein weiterer Meilenstein ist die Athroskopie, das Hineinschauen in ein Gelenk, ohne großen Eingriff. Ebenso die minimal-invasiven Verfahren, die schonende Eingriffe ermöglichen. Die Kliniksterblichkeit ist in den letzten Jahren drastisch gesenkt worden. Auch das Bild des Unfallchirurgen hat sich gewandelt: vom Einzelkämpfer zum Teamplayer.

Professor Dr. med. Ulrich Brunner, Präsident der Deutschen Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie e.V., erinnerte bei all dem Fortschritt daran, dass es auch Beständigkeit gibt. Denn das gebrochene Schlüsselbein sei fast 2000 Jahre gleich behandelt worden.

Privatdozent Dr. Diethard Wahl schlug den Bogen nach Köpenick, wo am 1. Juni 1961 die selbstständige unfallchirurgische Abteilung mit 82 Betten gebildet wurde und wo er später selbst Chefarzt wurde. Der häufigste Bruch ist damals die Schenkelhalsfraktur gewesen. Dr. med. Falk Reuther, der heutige Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie in Köpenick, dessen Steckenpferd die Schulterchirurgie ist, bezifferte die heutige durchschnittliche Liegedauer der Patienten auf 7,4 Tage. Noch vor 20 Jahren lagen die Kranken 16,2 Tage im Klinikbett, 1967 waren es sogar mehr als drei Wochen (21,3 Tage).

Der Standort Köpenick sei mit dem Neubau, der im vergangenen Jahr eingeweiht wurde (Kosten 24 Millionen Euro), und zwei neuen OP-Sälen hochmodern ausgestattet. Auch Professor Axel Ekkernkamp, Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin und ebenfalls Unfallchirurg, gratulierte seinem Nachbarn zum 50. Geburtstag und lobte den „absolut supertollen Laden“ in Köpenick. Deutschland sei weltweit die Nummer eins, wenn es darum geht, den Arbeitsunfall zu vermeiden. Zudem räumte Ekkernkamp mit dem Irrglauben auf, dass die meisten Unfälle durch Risikosportarten wie Bungeejumping verursacht würden. Der normale Unfall im häuslichen Umfeld komme viel häufiger vor.

Der Geschäftsführer der DRK Kliniken Berlin, Ralf Stähler, skizzierte, dass die Versorgungsgrenzen zwischen ambulant und stationär langfristig überwunden werden müssen. Zugleich räumte er mit dem Unwissen auf, dass Medizinische Versorgungszentren (MVZ) vorwiegend dazu da sind, Patienten in die stationäre Versorgung zu ziehen. In den DRK Kliniken Berlin, wo derzeit nach und nach die MVZ abgewickelt werden, hätte dies nämlich dann zu einem Einbruch bei der stationären Versorgung führen müssen. Das Gegenteil war jedoch der Fall.

Für Faszination im Publikum sorgte Christian Bruns, bei Airbus in Hamburg für die Marktforschung zuständig. Denn er schaut mit seinen Teams immer wieder in die Zukunft. Die fängt bei den Airbus-Mitarbeitern in 20 Jahren plus an. Ein Team entwickelt Trends, ein anderes entwickelt Ideen, wieder ein anderes kreiert Modelle. „Im Mittelpunkt stehen stets die Bedürfnisse der Kunden“, sagte Bruns. Zwei wichtige Entwicklungen sind zum Beispiel für die Flugzeugbauer relevant: Die Menschen werden immer älter und immer dicker. Dies hat Auswirkungen auf die Gestaltung von Flugzeugkabinen und Sitzen. So kommt es vor, dass eine Flugzeugkabine alle fünf Jahre völlig neu gestaltet wird.

Zu dem komplexen Thema „Strategien im Krankenhaus – der Zukunft voraus“ referierte Dr. med. Bidjan Sobhani, der Ärztliche Direktor der DRK Kliniken Berlin. Dabei stellte Sobhani klar, dass die Zukunft in Kliniken „zunehmend weniger berechenbar ist und es auf andere Fertigkeiten ankommt“. Zum Beispiel müssten Klinik-Lenker und Ärztliche Leiter heute  eine extreme geistige Flexibilität, Reaktionsfähigkeit und Beweglichkeit aufweisen. Unabhängig davon käme ein modernes Klinikunternehmen nicht ohne langfristige Planungen aus.

Die Vielfalt der angesprochenen Themenbereiche zeigt, dass sich die Unfallchirurgie, aber auch die Krankenhausversorgung den rasanten Entwicklungen und Änderungen in der Medizin und Technik auch in Zukunft anpassen wird.