Ein Plastikschlauch für ein neues Leben

Berlin, 18. Dezember 2014

Chefärztin Dr. med Sybille Wunderlich demonstriert die neue Methode


Chefärztin Dr. med. Sybille Wunderlich mit dem Patient Arne Meier

Chefärztin Dr. med. Sybille Wunderlich nennt es zurückhaltend „ein Hilfsmittel“, für ihren Patienten Arne Meier ist es indes seine „letzte Hoffnung“. Könnte sich der 46-jährige, mit 174,6 Kilogramm Körpergewicht stark übergewichtige Typ-2-Diabetiker aus Wedding etwas wünschen, dann wäre er gerne 70 Kilogramm leichter. Mit dem neuen „Hilfsmittel“ von Frau Dr. Wunderlich kann ihm das jetzt gelingen – und noch vieles mehr.

Arne Meier ist in den DRK Kliniken Berlin | Westend ein neuartiges Medizinprodukt implantiert worden, ein so genannter wieder entfernbarer Bypass-Schlauch (Endobarrier). Ziel der neuen Therapie: Der Diabetes-Patient verbessert seine Blutzuckerwerte, reduziert seine Diabetes-Medikation und hat ein geringeres Risiko für gefährliche Diabetes-Folgeerscheinungen wie Durchblutungsstörungen oder Amputationen. Positiver Nebeneffekt: Die Kilos purzeln. Innerhalb von fünf Tagen hat Herr Meier schon fünf Kilogramm abgenommen.

Viel wichtiger allerdings, er hat seine Insulineinheiten reduziert. Zu Beginn seines Klinikaufenthalts musste er 190 Einheiten pro Tag spritzen, jetzt sind es nur noch 30. Schon mit 34 Jahren ist der Berliner an Typ-2-Diabetes erkrankt. Seine „Spitzenwerte“ waren seitdem: 230 Kilo Körpergewicht und 450 Insulin-Einheiten pro Tag. Zeitweilig konnte nur 50 Meter am Stück gehen, in den Geschäften fand er keine Kleidung mehr, die gepasst hätte. Trotz vieler Diäten und Kuren hat es der Berliner Diabetiker nicht geschafft, aus der Teufelsspirale Abnehmen – Zunehmen - immer mehr Insulinspritzen - herauszukommen.

Der neue Schlauch und eine komplette Lebensumstellung sollen ihm jetzt dauerhaft helfen. In einer einstündigen Operation ist ihm per endoskopischem Verfahren über den Mund eine Kapsel mit dem hauchdünnen Plastikschlauch in den Zwölffingerdarm eingesetzt worden. Am Beginn des 60 Zentimeter langen, pergamentdünnen Teflon-Implantats befinden sich kleine Metall-Anker. Damit hakt sich das Produkt am Beginn des Dünndarms in der Schleimhaut wie eine Gefäßstütze (Stent) fest. Der Plastikschlauch liegt also wie eine zweite Haut an der Innenwand des Darms. Bei dem etwa einstündigen Eingriff ist der Patient narkotisiert.

Durchgeführt wird die Operation von dem Gastroenterologen, Chefarzt Professor Dr. med. Andreas Sturm und seinem Team. Mehrere positive Effekte bewirkt der Darmschlauch, erklärt Dr. Wunderlich. Das Implantat signalisiert dem Körper ein Völlegefühl, dadurch verspürt der Patient weniger Hunger. Im Körper steigen zudem die Darmhormone an, die neben der Blutzuckersenkung zusätzlich ein Sättigungsgefühl und eine Verzögerung der Magenentleerung bewirken. Zudem rutscht ein Teil der Nahrung einfach durch den Darm durch, ohne vom Körper aufgenommen zu werden.

Mit den typischen ersten Nebenwirkungen Magenschmerzen, Druckgefühl und Übelkeit hatte Herr Meier zum Glück nicht zu kämpfen. Dafür profitierte er gleich von einem positiven Nebeneffekt, nämlich keinen Hunger mehr zu haben. Ein Jahr hat er jetzt Zeit, sein Essverhalten komplett umzustellen, nur noch kleine, gut zerkaute Nahrungsmengen zu sich zu nehmen und seinen Körper mit Sport und Reha zu ertüchtigen. Dr. Wunderlich betont: „Da liegt noch ein Stück Arbeit vor Ihnen!“ Spätestens nach zwölf Monaten wird der Plastikschlauch wieder entfernt. Dr. Wunderlich ist zuversichtlich, dass das neue Hilfsmittel Herrn Meier dann zu einem neuen Leben verholfen hat – mit weniger Insulin und weniger Gewicht.

Kontakt:
DRK Kliniken Berlin | Westend
Spandauer Damm 130
14050 Berlin
Dr. med. Sybille Wunderlich
Chefärztin Klinik für Innere Medizin - Schwerpunkt Diabetologie
Tel.: 030 / 3035 - 5645
Fax: 030 / 3035 - 5649
E-Mail: s.wunderlich@drk-kliniken-berlin.de
Professor Dr. med. Andreas Sturm
Chefarzt der Klinik für Innere Medizin - Schwerpunkt Gastroenterologie
Tel. 030 / 3035 – 4355
Fax. 030/ 3035 – 4359
E-Mail: gastroenterologie@drk-kliniken-westend.de