Suche

Kontakte

DRK Kliniken Berlin | Westend

Förderverein Kunst
c/o Verwaltungsleitung

Spandauer Damm 130
14050 Berlin
Wegbeschreibung

Tel.: (030) 3035 - 4805
E-Mail Kontakt

Vorsitzender

Priv.-Doz. Dr. med. Bernd Frericks

Kuratorin und Programmverantwortliche

Dr. Anne Marie Freybourg
Kunstpraxis Berlin

"Bilder nicht als Dokumente betrachten"

Dr. med. Ralph Schoeller, Ärztlicher Leiter vom Westend
4
Foto von Robert Capa über den D-Day
Prof. Dr. Helmut Lethen
Zahlreiche Zuhörer genossen den Kunstvortrag (Fotos: Cordia Schlegelmilch, Berlin)

Gastvortrag von Prof. Dr. Helmut Lethen in den DRK Kliniken Berlin | Westend über Bilder und ihre Bedeutungen

Es war ein heißer und schwüler Tag und trotzdem kamen knapp 50 Mitarbeiter und Gäste, um zu hören, ob ein Kulturwissenschaftler vielleicht anders als Ärzte und Pflegekräfte, die tagtäglich mit medizinischen Bildern umgehen, Bilder analysiert.

Lethen, Direktor des renommierten Wiener Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (ifk), nahm sich vor allem journalistische Bilder vor, wie z.B. das berühmte Foto von Robert Capa über den D-Day, das jetzt aus Anlass des Jahrestages noch einmal um die Welt ging. Oder das Bild einer armen Mutter mit zwei Kindern, das während der amerikanischen Wirtschaftskrise der 1930er Jahre aufgenommen wurde und ebenfalls zu einer Ikone in der Geschichte der Bilder geworden ist. Lethen wollte nicht über medizinische Bilder referieren, „da fühle er sich“, so sagte er, „angesichts der geballten Kompetenz der Westendler doch zu unsicher.“ Helmut Lethen hat gerade das Buch „Der Schatten des Fotografen“ veröffentlicht, für das er den Preis des besten Sachbuches auf der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Die Recherchen und Ergebnisse dieses Buches lagen seinem, extra für die DRK Kliniken Berlin | Westend entwickelten Vortrag zugrunde. Dr. Ralph Schoeller, der Ärztliche Leiter, dankte dem Förderverein „Kunst im Westend“, dass er den Vortrag organisiert hat und freute sich, dass Lethen nun schon zum dritten Mal zu einem Vortrag ins Westend gekommen ist. Schoeller, der das neue Buch von Lethen schon gelesen hatte, sagte in seiner Begrüßung, dass er dabei sehr viel Neues über Bilder hinzugelernt habe und er „Bilder nicht mehr als so selbstverständliche Dokumente betrachten würde, wie er es vorher getan hat.“

Das machte die Zuhörer neugierig und aufmerksam folgten sie den Geschichten und Hintergründen der genannten Bilder, die Helmut Lethen mit großem Engagement darlegte. Er analysierte die Bilder anschaulich und lebendig, ohne verklausulierte Begrifflichkeit, wie man sie sonst bei Kulturwissenschaftlern befürchten muss. Beschrieben wurde, wie die Bilder durch die verschiedenen Kontexte, in denen sie veröffentlicht und mit unterschiedlichen, jeweils für den Kontext passenden Botschaften aufgeladen wurden. Das Bild, das Robert Capa am 6. Juni 1944 im kalten Wasser stehend an der französischen Küste von der Landung der amerikanischen Soldaten machte, hat eine große Unschärfe und man sieht auf ihm hinter den Soldaten allerlei graue Dinge, die man eigentlich nicht präzise identifizieren kann. Man fand aber für den damaligen Veröffentlichungskontext, in der Redaktion des Nachrichtenmagazin „Life“ die Deutung, dass die Unschärfe dem hektischen Kampfgeschehen geschuldet und das nicht Identifizierbare deutsches Kriegsgerät sein müsste. Erst vor wenigen Jahren kam bei der Erforschung der Geschichte dieses Bildes heraus, dass die Unschärfe und Gräue einem Zufall geschuldet war und keineswegs die Wirklichkeit abbildete. Dem Laboranten, der damals den Film des Fotografen entwickelte, war ein Malheur passiert und eine falsche Entwicklerlösung hatte fast alle Bilder zerstört und die übriggebliebenen schwer beschädigt. Da man aber unbedingt das Geschehen abbilden wollte, beschloss die Redaktion, das Bild, so schlecht es war, doch zu veröffentlichen und um das unklare Bild verstehen zu können, bildeten sich eben die genannten Legenden um das Bild, quasi als Ergänzung zu der undeutlichen und damit unklaren Abbildung.

Lethen zeigte auf, wie wir, wenn wir erst einmal die wirklichen Hintergründe der Bildentstehung wissen, das Bild nicht mehr in seiner alten Bedeutung sehen können, sondern es vollkommen neu und anders sehen. Man beginnt dann, Bilder generell kritisch zu hinterfragen und sie nicht mehr unbenommen zu glauben. Dieser anregenden Ernüchterung hörten nicht nur allein die anwesenden Bildspezialisten, der Vorsitzende des Fördervereins und Radiologe PD Dr. Bernd Frericks, und sein Vor-Vorgänger, Prof. Dr. Michael Meves, zu. Auch der Philosoph Rüdiger Safranski, der im letzten Jahr im Westend einen eindrücklichen Vortrag über Friedrich Schiller und die Medizin gehalten hatte und gerade für seine große Goethe-Biographie den Thomas Mann – Preis erhalten hat, war gekommen.