Wunden, die nicht heilen

Berlin, 16. Juni 2011
Ausstellung in den DRK Kliniken Berlin | Westend

Ausstellung in den DRK Kliniken Berlin | Westend

Noch bis Ende Juli ist die Exposition zu sehen

Noch bis Ende Juli ist die Exposition zu sehen

Gäste bei der Eröffnung am 15. Juni 2011

Gäste bei der Eröffnung am 15. Juni 2011

„Fegt alle hinweg, die die Zeichen der Zeit nicht verstanden haben“ steht dort in großen roten Lettern. Daneben sind die behördlichen Dokumente abgebildet, die belegen, dass es die ärztlichen Spitzenverbände im Terror-Regime der Nazis sehr eilig hatten, ihren jüdischen Kollegen die berufliche Grundlage zu entziehen. 1938 wurde den jüdischen Ärzten in Deutschland die Approbation entzogen. Die „Vierte Verordnung zum Reichsbürgertum“ vom 25. Juli 1938 erklärte die Approbation aller jüdischen Ärztinnen und Ärzte zum 30. September für „erloschen“.

Eine Ausstellung erinnert an dieses finstere Kapitel der deutschen Geschichte und an das Versagen ärztlicher Organisationen. Die Exposition zum „70. Jahrestag des Entzugs der Approbation aller jüdischen Ärztinnen und Ärzte 1938“ steht in den DRK Kliniken Berlin | Westend  im Foyer im Hochhaus Ebene 22. Auf Initiative des Fördervereins „Kunst im Westend“ wurde sie von der Bundesärztekammer ausgeliehen und wird im Westend noch bis Ende Juli zu sehen sein.

Am 15. Juni wurde die Ausstellung, in der auch die Schicksale einzelner Ärzte erzählt werden, eröffnet. Im Rahmen der Eröffnung erinnerte der Ärztliche Leiter des Klinikums, Professor Dr. med. Heribert Kentenich daran, dass keine Organisation so flächendeckend in der NSDAP organisiert war wie die Ärzteschaft. Die Ausstellung, so Kentenich, zeigt auch, „wie schnell sich die Ärzte damals assimiliert haben“. Es ist wichtig, sich dieses Versagen in Erinnerung zu rufen. Die Schöpfer der Ausstellung, Ursula und Dr. Hansjörg Ebell berichteten, dass sie vor einigen Jahren, als sie die Ausstellung erstmals präsentierten, noch als „Nestbeschmutzer“ diffamiert worden seien. Die Ausstellung zeigt nicht nur die zum Verwaltungsakt geronnen grausamen behördlichen Dokumente, sondern auch Namen und Lebensläufe. „Jeder Name steht für ein Schicksal“, sagte Hansjörg Ebell.  Ein Name ist der von Dr. med. Julius Spanier. Er lebte von 1880 bis 1959 und war in München als Kinderarzt tätig. Nachdem auch er seine Approbation und damit seine berufliche Grundlage verlor, war er als „jüdischer Krankenbehandler“ im Israelitischen Krankenheim tätig. Er durfte nur noch jüdische Kranke versorgen. Später deportierte man ihn in das Vernichtungslager Theresienstadt. Spanier überlebte Theresienstadt und arbeitet noch in München als Arzt.  Andere starben oder setzten ihrem Leben ein Ende, wie Professor Dr. Erich Benjamin.

Eine nachdenklich stimmende Ausstellung, die zudem daran erinnert, dass es in der Bürgerschaft und in der Ärzteschaft schon Anfang des 19. Jahrhunderts einen weit verbreiteten Antisemitismus gab, wie Dr. Rebecca Schwoch vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in ihrem Fachvortrag am Eröffnungstag der Ausstellung resümierte. Den jüdischen Ärzten wurde Habgierigkeit und Geschäftstüchtigkeit unterstellt.

Wenn aber alle niedergelassenen Ärzte in Berlin auf einmal nicht mehr hätten praktizieren dürfen, dann wäre vermutlich die medizinische Versorgung zusammengebrochen, sagte Schwoch. Denn von den 3.600 Berliner Ärzten waren mehr als 2.000 Juden.  Letztlich stehen die verfolgten jüdischen Ärzte für einen wichtigen Teil der deutschen Ärzteschaft, denen die Existenz und die berufliche Verwirklichung brutal genommen wurden. Der Nationalsozialismus  – dem ein Großteil der deutschen Gesellschaft zujubelte – habe diesen Menschen und ihren Familien Wunden zugefügt, die ihr Leben lang nicht heilen konnten, sagte Schwoch.

 

Die Ausstellung zum 70. Jahrestag des Entzugs der Approbation aller jüdischen Ärztinnen und Ärzte 1938 ist im Westend im Foyer des Hochhauses bis Ende Juli 2011 zu sehen.

>> Die Pressemitteilung finden Sie hier.